Zwischen „zu viel“ und „nicht genug“
- Leonie Voglmaier
- 20. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Warum starke Frauen sich selbst zurücknehmen – und wie du wieder Raum einnimmst
Manchmal gibt es Tage, an denen man automatisch mehr zurückschaut.Bei mir ist das jedes Jahr so. Heute ist mein Geburtstag – und die Tage davor sind wie ein kleines inneres Jahres-Review.
Ich merke dann oft erst, wie viel eigentlich passiert ist. Nicht nur an der Oberfläche, sondern darunter: in Entscheidungen, in Erkenntnissen, in Wachstum.Weil im Alltag so viel vorbeirauscht. Der Kopf ist schon beim Nächsten. Beim Danach. Beim „Was muss ich noch…“.
Dieses Jahr habe ich mir bewusst Zeit genommen, wirklich hinzuschauen. Und dachte nur: crazy, was sich alles bewegt hat.Nicht nur im letzten Jahr – sondern überhaupt.
Und ich bin ehrlich: Ich bin nicht nur dankbar für das Schöne.Sondern auch für das Schwierige.Weil genau das mich irgendwann dazu gebracht hat, tiefer zu gehen. Mich wirklich mit mir auseinanderzusetzen. Und diesen Weg zurück zu mir zu gehen.
Alles, was hier entstanden ist, war nie ein Karriereplan.Es war meine eigene Reise zurück zu mir.Ein Leben, das sich leichter anfühlen darf. Verbunden. Sicher. Echt.Weg vom ständigen Funktionieren, weg von Rollen und Erwartungen.
Und genau deshalb ist das Thema heute so bewusst gewählt.Weil es mich selbst lange begleitet hat – und weil ich weiß, wie viele Frauen genau hier festhängen.
Kennst du diesen Gedanken: „Ich bin zu viel“?
Zu laut.Zu direkt.Zu emotional.Zu präsent.
Vielleicht ist dieser Gedanke nicht jeden Tag da.Aber irgendwo im Hintergrund.
Und dann passiert etwas ganz automatisch:
Du machst dich kleiner.Sprichst leiser.Überlegst dreimal, bevor du etwas sagst.Nimmst Rücksicht – immer mehr. Auf alle. Nur nicht mehr auf dich.
Und irgendwann kommt dieser Moment, der weh tut:
Wo bin ich eigentlich geblieben?
Viele Frauen leben zwischen zwei Polen:der Angst, zu viel zu sein – und dem Gefühl, trotzdem nie ganz genug.
Und dieses Dazwischen ist unfassbar anstrengend.
Warum „zu viel sein“ kein Charakterproblem ist
Ich war schon immer präsent.Lautes Organ, große Gesten, viel Energie – hab ich übrigens bis heute. Surprise. 😄
Und ja: Ich kann Raum einnehmen.Aber genau das war früher oft ein Problem.
Gerade in der Schule, in Gruppen, in der Jugend hatte ich ständig das Gefühl, ein bisschen zu viel zu sein.Gefühlt wurden die leisen, braven, angepassten Mädchen positiv gesehen.Und ich? Wurde angeschaut. Manchmal schräg. Manchmal belächelt. Manchmal mit diesem Blick:„Muss das jetzt sein? Die Leo schon wieder …“
Und so habe ich gelernt:Dann halt weniger.Dann halt ruhiger.Dann halt angepasster.
Nicht, weil ich mich bewusst verbogen habe.Sondern weil ich dazugehören wollte.
Und das ist wichtig zu verstehen:
Wir machen uns nicht kleiner, weil wir uns falsch finden.Sondern weil wir dazugehören wollen.
Das ist kein bewusster Entschluss.Das ist ein altes – ziemlich kluges – Anpassungsmuster.
Der eigentliche Ursprung: Sicherheit durch Anpassung
Die Angst, zu viel zu sein, entsteht nicht, weil du wirklich zu viel bist.Sondern dort, wo du irgendwann gemerkt hast:
Meine volle Präsenz ist nicht immer willkommen.
Oft passiert das nicht laut oder dramatisch, sondern ganz subtil:
durch Blicke
durch kleine Kommentare
durch „feines Korrigiert-Werden“
durch das Gefühl: „So wie ich gerade bin, passt es nicht.“
Also lernst du, dich selbst zu regulieren. Dich zu bremsen. Dich zu filtern.Nicht, weil mit dir etwas falsch war – sondern weil du verbunden bleiben wolltest.
Und irgendwann passiert etwas Entscheidendes:Du beginnst, dich selbst permanent zu scannen.
War das gerade zu viel?Hab ich zu viel geredet?Bin ich anstrengend?
Und genau da verlierst du den Moment.Nicht, weil du nicht präsent sein willst –sondern weil du gelernt hast, dich selbst im Blick zu behalten.
Selbstkontrolle statt Selbstkontakt.
Warum „zu viel“ und „nicht genug“ oft denselben Ursprung haben
Das Spannende ist:Viele Frauen, die Angst haben, zu viel zu sein, haben gleichzeitig Angst, nicht genug zu sein.
Der Ursprung ist oft derselbe:Ein Selbstwert, der sich früher an Anpassung orientieren musste.
Und hier liegt der innere Konflikt:
Du wirst leiser, um nicht anzuecken –und verlierst dich dabei so sehr,dass selbst das Leise nie ganz ausreichend ist.
Also pendelst du zwischen:
„Ich darf nicht zu viel sein“und
„Ich will endlich genug sein“
Und dieses Pendeln kostet unglaublich viel Energie.
Warum kleiner machen sich kurzfristig sicher anfühlt
Sich kleiner zu machen fühlt sich erstmal sicher an.
Denn wenn du nicht auffällst, kannst du nicht abgelehnt werden.Wenn du dich anpasst, musst du keine Reibung aushalten.Wenn du dich zurücknimmst, bleibst du „angenehm“.
Das ist keine Schwäche.Das ist eine Strategie.
Aber der Preis ist hoch.
Je öfter du dich dämpfst,desto weiter entfernst du dich von dir.
Und das zeigt sich überall:
in Beziehungen (du schluckst zu viel runter)
im Job (du zeigst dich weniger, als du könntest)
in Freundschaften (du gibst, statt zu sein)
im Körper (Anspannung, Druck, Müdigkeit)
Nicht ganz da.Nicht ganz echt.Nicht ganz frei.
Der Shift: Du bist nicht rücksichtsvoll – du bist nicht mehr ganz bei dir
Der wichtigste Perspektivwechsel ist dieser:
Wenn du dich klein machst, bist du nicht „rücksichtsvoll“.Du bist einfach nicht mehr ganz bei dir.
Und du merkst das.
Du entschuldigst dich zu schnell.Du erklärst dich zu viel.Du denkst zu lange nach.Du hältst dich zurück – obwohl du etwas zu sagen hättest.
Nicht, weil du nichts kannst.Sondern weil du gelernt hast: Es ist sicherer, leiser zu sein.
Aber das hilft niemandem. Dir nicht. Und den anderen auch nicht.
Denn deine Energie, deine Präsenz, dein Lachen – das ist keine Macke.Das ist Teil von dir.
Die Frage ist nicht:Wie kann ich weniger sein?Sondern:Wo darf ich ganz ich sein?
Wer kann deine Präsenz halten?Wo musst du dich nicht regulieren, um geliebt zu werden?
Du musst dich nicht kleiner machen, um gemocht zu werden.Und du musst dich nicht optimieren, um endlich genug zu sein.
Drei ehrliche Fragen, die dich zurück zu dir bringen
Ich gebe dir heute keine klassische „5-Schritte-Übung“.Sondern drei ehrliche Fragen:
Wo halte ich mich zurück, obwohl ich eigentlich Raum einnehmen möchte?
Für wen mache ich mich kleiner?
Was würde passieren, wenn ich heute 10 % mehr ich wäre?
Nicht 100.Nicht radikal.Nur ein bisschen.
Vielleicht heißt das:
einen Satz mehr sagen
dich nicht sofort entschuldigen
nicht alles erklären
oder einfach mal laut lachen
Das ist kein Ego-Trip.Das ist Selbstkontakt.
Fazit: Deine Angst sagt nichts über deine Größe – sondern über alte Räume
Die Angst, zu viel zu sein oder nicht genug, sagt nichts über deine Größe.Sondern über die Räume, in denen du gelernt hast zu überleben.
Und das ist die gute Nachricht:Du darfst heute andere Räume wählen.
Menschen, bei denen du dich nicht regulieren musst.Bei denen du nicht überlegen musst, ob du gerade zu viel bist.Du musst dich nicht kleiner machen, um dazuzugehören.
Die eigentliche Arbeit beginnt nicht im Außen.Sondern darin, bei dir zu bleiben. Sicher in dir selbst.
Und wenn du beim Lesen gemerkt hast:„Okay, das ist mehr als nur ein Gedanke. Das sind Muster, die ich nicht allein verändern will.“Dann: melde dich gern.
Nicht, um „lauter“ zu werden.Sondern freier.Zurück zu dir selbst.



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